Mitmach-Interview #10

Johannes wohnt seit 1995 mit seiner Frau Clarissa im Olbeschhof in Trier Tarforst. Johannes war vor seiner Rente evangelischer Studentenpfarrer an der Universität in Trier. Er ist Gründungsmitglied des WohnKulturHof Pluwig e.V. und dem WohnKulturHof seit der Geburt der Idee freundschaftlich verbunden. Er begeistert sich schon seit mindestens 50 Jahren für Ideen, wie Wohnen neu und anders gedacht werden kann.

Was hat mich bewogen, mich am WohnKulturHof zu beteiligen?

Grundsätzlich ist Wohnen ein Riesenthema in unserer Gesellschaft. Eigentlich gibt es genug Wohnraum für alle, er ist nur schlecht verteilt. Immer mehr Meschen ziehen raus aus den Städten in Nachbarschaft zur Natur, raus aus den Bürotürmen, denn arbeiten kann man schließlich überall. Damit treten die arbeitenden Menschen in Kontakt zu anderen, die etwas anderes tun. Durch diesen Kontakt findet Austausch statt und trägt damit zu einer solidarischen Gesellschaft bei – Stichwort: nicht nur Kohle machen ist wichtig.

Beim WohnKulturHof ging es ja zunächst ums Wohnen, die Idee der Vereinigung mit Kultur und Coworking kam später dazu. Wenn man als arbeitender Mensch mehr als ein Drittel seines Tages mit dem Beruf zubringt, wäre es ja schlimm, wenn es dabei nur ums Geldverdienen ginge. Durch den Kontakt mit anderen Menschen wird der Sinn der Arbeit erweitert und sie dient nicht mehr ausschließlich der materiellen Versorgung.

Worauf freust du dich am meisten beim WohnKulturHof?

Ich freue mich darauf, wenn der WohnKulturHof anfängt zu leben. Wenn dort Menschen einziehen, zu gärtnern beginnen, wenn Kulturveranstaltungen stattfinden, wenn alles neu ist. Wenn die Menschen, die dort wohnen, das Gefühl haben, dass alles schön wird. Auf dieses Gefühl freue ich mich. Auf die Spannung der unterschiedlichen Menschen…  Die Menschen, die im WohnKulturHof leben treten damit aus der Vereinzelung in eine Solidargemeinschaft ein, in der man nicht alle lieben muss, oder auch nicht lieben kann, aber Ihnen mit Achtung begegnet.

Im Zentrum der Idee des gemeinschaftlichen Wohnens steht für mich, …

dass sich Gedanken und Einstellungen finden, die mich schon seit 50 Jahren beschäftigen. Für mich stand am Anfang eine alternative Wohnform oder auch eine andere Familienform.

Vor etwa 50 Jahren begann ich mit meiner Frau Clarissa über alternative Formen des Zusammenlebens nachzudenken und zu diskutieren. Uns bewegte - damals wie heute - die Frage, ob vielleicht die klassische Kleinfamilie ausgedient hatte? Zu Beginn unseres Diskurses wurden alle möglichen alternativen Formen des Zusammenlebens ausprobiert (Kommune, Kibbuz) – einige auch von uns. Die damaligen Leitideen waren geprägt von möglichst viel „Alternativem“ „wer zweimal mit derselben (Person -😊) pennt, gehört schon zum Establishment“. Alles Traditionelle wurde in Frage gestellt, eben auch die traditionelle Familienform.

Heute erlebe ich viele junge Familien, die ein sehr anstrengendes Leben führen. Sie wollen allen Rollen gerecht werden:  Geld verdienen, guter Ehemann/ gute Ehefrau und Geliebte*r sein, guter Vater/ gute Mutter… Daher kommen junge Familien eigentlich nicht ohne Helfer von außen aus.

Allen Rollen gerecht zu werden, geht eigentlich nur in Solidargemeinschaften

An der Idee des WohnKulturHof mag ich besonders, …

dass der WohnKulturHof nicht nur für solidarisches Wohnen steht, sondern sich darüber hinaus mit dem Kulturbegriff für die Pflege der Dinge, die keinen Zweck haben, verschrieben hat. Nicht nur die Ruhe gehört zum Lebensverständnis, sondern auch die Musik, die Poesie, ohne geht es nicht.

Mein Leitspruch zum WohnKulturHof…

…alles benutzen, aber nicht alles besitzen.